Albert Mangelsdorff

 

Abschied von Albert

Der Posaunist und  Klangforscher Albert Mangelsdorff

ist am 25. Juli 2005 im Alter von 76 Jahren gestorben.

Die Trauerfeier fand am 1. August statt


Wir veröffentlichen ein
machs gut albert

von Raimund Dillmann

 

Dill

  heimgekommen...

in hans falbs nickelsdorfer gastgarten drei tage lang so außergewöhnliche und außergewöhnlich gute musik und musiker und gäste miterleben zu können, ist in diesen trüben politischen zeiten, wo alles in dumpfheit und oberflächlichem schwachsinn zu versumpfen scheint, ein unbeschreiblich luxuriöses gefühl. der höllenritt über  850 km autobahn, auch wenn wir ihn über zwei tage verteilen bleibt es der horror, kann daran nichts trüben. dennoch werd ich die anreise nächstes jahr mit sicherheit nicht noch mal über die straße unternehmen. es scheint als seien 100 ps unter der blechhaube mittlerweile der standard für die kleinstwagen- es ist unglaublich welche geschosse einem auf so einer tour begegnen. und was die leute die darinnen sitzen alles damit anstellen. mannomann....

gern hätte ich ein wenig mehr von john tilburys konzerten berichtet, was luc houtkamp veranstaltet hat oder von tristans italienischer kapelle, was los war als drei ministranten zur messe baten, oder wie ich die afro-amerikanischen "roots" bei paul lytton entdeckte, dem furiosen finale mit "zu" und mats gustaffson als gast, die vielen bariton sounds an den drei tagen, der souveränität der diesmal etwas sparsamer eingesetzten elektroniker, den verschiedenen minimalistentrupps in der "necks"nachfolge (tony buck hat gleich drei mal mitgetrommelt) oder den sessions und durchzechten nächten, dem fantastischen wetter und dem guten essen und trinken in der jazzgalerie, dem....

und dann komm ich zuhause an und finde auf dem anrufbeantworter die nachricht von albert mangelsdorffs tod.

natürlich haben wir gewußt, wie es um ihn steht, gürtelrose im kopf, den krebs im körper und treppenstürze, von denen er sich immer wieder mühsam berappelt hat, schmerzen im handgelenk,... normalerweise würd mer halt sagen, er wird tüttelig. aber wer ihn gehört hat, ob bei seinen solo konzerten, da ganz besonders, aber auch mit dauner im duo, weiß wie hellwach und voll auf der höhe im kopf der albert bis zuletzt war. meine letzte große erinnerung ist das quintett mit christof lauer, dauner, ilg und haffner vor zwei jahren im palmengarten. aber auch davor, als er in wuppertal zum sechzigsten von peter brötzmann, von diesem auf der einen und louis sclavis auf der anderen in die zange genommen, von hinten von aldo romano in wildem freejazzgestus die trommeln schlagend angetrieben und vom sonor singenden baß henri texiers begleitet, sich zu höhenflügen aufgeschwungen hat, wie ich sie zuletzt in den siebzigern von ihm gehört hab, wenn er uns im geliebten frankfurter jazzkeller schwindelig gespielt hat. seine musik hatte nie altmeisterliches oder altväterliches an sich gehabt. nie ließ sich routiniertes abspielen bei ihm entdecken und selbst in den momenten, wo er sich z. b. mit dauner in schönklangmalerei ergangen hat, blitzte immer noch der wille zur gestaltenden veränderung, erneuerung, die lust auf neue klänge auf. und auch die songs, lieder, stücke, die in seinem repertoire gespeichert und abrufbar waren, brachte er ohne jegliches sentimentales klischee immer wieder neu zur aufführung, als sei es das erste mal.

ich hab ihn im zarten alter von fünfzehn zum ersten mal bei einem schulkonzert erlebt, mit heinz sauer, günter lenz und ralf hübner, gerade als uns die musikindustrie mit beatles, stones und ähnlichem anfing über-zu-versorgen. das war lange bevor ich mit coltrane, coleman, miles davis und dann erst der schwarzen jazztradition vertraut wurde. nie hab ich irgendeinen widerspruch bei ihm entdecken können und deshalb auch all die diskussionen nicht verstanden, ja sie eher mit rassismus verdacht belegt, wenn es denn um den wahren jazz, und schwarz und weiß ging. hier europäisch, da amerika. albert hat mit allen spielen können, egal wo sie herkamen, hauptsache sie waren gut. nicht gut in dem sinne, daß sie jetzt, sagen wir mal, zeigen können, was sie in vierundzwanzig stunden üben am tag alles auf ihrem instrument drauf haben, das natürlich auch. er hat sein instrument so geliebt und die musik natürlich auch, daß ihm das üben nie last sondern immer eine lust war. also wenn einer die leidenschaft und lust zeigte, dann fand er in albert seinen begeisterten partner. nie hat man alphonse mouzon besser gehört als in dem trio mit albert und jaco pastorius.

mit john surman und elvin jones, mit irakischen oder schweizer musikern, gar im rockjazz war albert über viele jahre dabei...

und was für ein liebenswürdiger mensch albert war weiß jeder, der umgang mit ihm hatte. selbstverständlich stand albert auch mit seiner posaune in den sechzigern zum abschluß der ostermärsche gegen krieg und atomtod auf dem podium am frankfurter römer.

was er zu den heutigen (gerade noch, angeblich?) regierenden sozen sagen würde, oder gesagt hat ahne ich nur, dennoch war die sozialdemokratie immer seine politische heimat.

ich denk, die letzte zeit war für ihn die härteste und auch am wenigsten freudvollste. daß sie mit dem tod enden mußte ist natürlich viel zu früh. aber bei einem musikerleben, das trotz seines unglaublichen bekanntheitsgrades als person auch bei den menschen, die nie einen ton von ihm gehört haben, oder aber entsetzt abgeschaltet haben, wenn alberts posaune einmal, viel zu selten durch den radio drang, ....und jetzt ist der satz zu lang geraten, die syntax durcheinander, ....ich meine, es könnte doch auch sein, daß ein erfülltes leben zu ende gegangen ist. wir sollten unsere trauer über seinen tod auch wieder als auftrag begreifen, in seinem sinne weiter zu machen, mit engagement lust und leidenschaft und freude zu arbeiten; die musiker an ihrer musik, die veranstalter an besseren bedingungen für die musik, die politiker an ihrer verantwortung nicht nur aber auch gegenüber der kultur. albert war auch zeitweise vorsitzender der udj- der union deutscher jazzmusiker, ein versuch der ausbeutung und selbstausbeutung im bundesrepublikanischen club und veranstalterbetrieb so etwas wie gewerkschaftliche mindeststandards entgegenzusetzen, leider ein wenig eingeschlafen aber warum nicht wieder anknüpfen....

machs gut albert, now jazz ram wong

kriftel/hofheim, 27.juli 05 raimund dillmann

 

Diese Seite ist ein Dokument der Projektgruppe Kultur im Ghetto